Das Kulturhaus Plessa in Potsdam

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Die Tageszeitung "Potsdamer Neueste Nachrichten" berichtet über unser Kulturhaus Plessa und die Ausstellung, die noch bis zum 12.April im Treffpunkt Freizeit Potsdam kostenlos zu besichtigen ist, in einem sehr lesenswerten Artikel:

Eine Ausstellung im Treffpunkt Freizeit beleuchtet die großen Ideen hinter dem großen Scheitern – die Kulturhäuser der DDR und das, was heute von ihnen übrig ist

Verklärung ist zwar fehl am Platz. Aber wenn man die Geschichte der Kultur in der Sowjetischen Besatzungszone betrachtet, aus der später die DDR und noch viel später eine krachend gescheiterte Diktatur wurde, kommt man dennoch nicht um eines herum: dass die kulturelle Entwicklung der Nachkriegszeit ein beispielhaftes Erfolgsprojekt war, gerade weil sie noch einem Ideal folgte, das später immer mehr vernachlässigt werden sollte – dass nämlich das Volk, in diesem Fall die Arbeiterklasse, die Zügel in die Hand nehmen soll. Abseits von staatlicher Verordnung.

Das „Kulturwunder“ der Nachkriegszeit ist jetzt in einer Wanderausstellung dokumentiert, die derzeit im Treffpunkt Freizeit zu sehen ist – am vergangenen Dienstag fand die Eröffnung dazu statt, bis zum 12. April ist sie dort zu sehen, bevor sie mit einer Finissage endet.

Entstanden ist sie aber schon vor längerer Zeit, nämlich bereits im Jahr 2014. Damals feierte sie Eröffnung und zwar ganz woanders: im US-amerikanischen Atlanta, in Kooperation mit dem Goethe-Institut. Potsdam ist dennoch eine Art Heimkehr für zwei der drei Kuratoren, Pierre Wilhelm lebt hier in der Stadt, Filmemacher Peter Goedel machte damals sein Abitur an der Havel. Und mit dem Film „An der Saale hellem Strande. Ein Kulturhaus erzählt“, der von Goedel und Schauspielerin Helga Storck gedreht wurde, eröffnete auch die Ausstellung.

Kein bloßer Dokumentarfilm, sondern ein Zeitzeugenbericht, der spannender kaum sein könnte: „Kultur für Werktätige“ – was so lakonisch klingt wie fast alles, was es im Arbeiter- und Bauernstaat zu einem Titel schaffte, beleuchtet die kulturelle Entwicklung des Industriestandortes Buna in Schkopau, in einem Kulturhaus, das zu einem der Leuchttürme der jungen Republik werden sollte. Heute ist es freilich eine Ruine, auch wenn es damals selbst noch aus denselben auferstanden war. Helga Storck hat in Schkopau gelebt, ist dort zur Schule gegangen, hat ihre Jugend im Theater verbracht – und ist dann jedoch nach München gegangen. 1998 kam sie zurück nach Schkopau, zum 45-jährigen Jubiläum des Kulturhauses. Es war gleichzeitig auch der Tag der Schließung.

Immerhin: Die sowjetischen Funktionäre – unter ihnen der eine oder andere Germanist – haben bereits 1945 mit dem Brot auch die Kultur zu verteilen verstanden, mitten in der kulturellen Wüste, die der Nationalsozialismus eben auch hinterlassen hatte.

Das funktionierte überall, nicht nur bei Buna, dennoch war man dort vom Andrang überrascht: Fotozirkel, Chor, Tanzgruppe, später gastierte in dem 1953 eröffneten Haus die internationale Crème de la Crème, angereist aus fast allen Ländern, von Schweden bis Brasilien. Der Eintritt war fast frei, und das arbeitende Volk brannte für kulturellen Input, so erzählt der Film. Kulturhäuser schossen wie Pilze auf dem Boden, über 1000 Häuser wurden in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg aus dem Boden gestampft. Die Symbiose aus Proletariat und Hochkultur sollte schließlich 1959 mit dem „Bitterfelder Weg“ zementiert werden, einem kulturpolitischen Programm, mit dem die „vorhandene Trennung von Kunst und Leben“ und die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ überwunden werden sollte.

Eine Idee übrigens, die einige Jahre später, 1979, auch im Westen, etwa vom Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann unter dem Slogan „Kultur für alle“ formuliert wurde.

Somit, könnte man sagen, war Walter Ulbricht also geradezu visionär, als er sagte: „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!“ So nämlich hieß das offizielle Motto. Der Erfolg war jedoch nicht von Dauer, auch wenn Literaten wie Erwin Strittmatter in die Fabriken zogen und Wismut-Chronisten wie Werner Bräunig zu literarischem Ruhm gelangten. Die zweite Bitterfelder Konferenz, 1964, war schon das letzte Aufbäumen vor der Aufgabe – denn der sozialistische Imperativ erwürgte schließlich die freie Entfaltung, die Kultur eben braucht. Die Kulturhäuser sind dennoch geblieben.

Immerhin 50 Stunden Interviews und 30 Stunden Archivmaterial haben Storck und Goedel für die Doku zusammengetragen, da können 92 Minuten natürlich nur ein minimaler Ausschnitt sein. Auch weil das Projekt von 1998 bis 2010 viel Zeit kostete, dafür Zeitzeugen befragt wurden, die den fertigen Film selbst nicht mehr erleben konnten. Die Ausstellung jedoch spannt den – wenn auch nur exemplarischen – Bogen über die gesamte Republik: fünf Kulturhäuser aus fünf Ländern, stellvertretend für über 1000. Die meisten sind heute Ruinen, Schandflecke statt Leuchttürme, die nur noch der Denkmalschutz vor dem Verfall bewahrt – und über die heute manche Träne der Kulturschaffenden von damals fließt. Ein Nachwendefehler: Im Einigungsvertrag war die Übernahme der Kulturstätten, die ja zumeist den Betrieben gehörten, nicht geregelt, die ohnehin klammen Gemeinden konnten sich den Kulturbetrieb aber einfach nicht leisten.

phoca thumb l snc00353Doch noch können sie Geschichten erzählen, die in der Ausstellung auf Papier gebannt wurden. Wie etwa in Plessa, Pierre Wilhelms Niederlausitzer Heimatkaff, dessen Kulturhaus eigentlich einem Supermarkt Platz machen sollte; und von den Plessaern – mit prominenter Unterstützung von Andreas Dresen und Axel Prahl – gerettet werden konnte. Oder im anhaltinischen Wolfen, neben dessen Filmfabrik im November 1950 das „Theater der Werktätigen“ eröffnete, ein bereits in der Weimarer Republik erbautes Theater, das mitten im Nirgendwo 800 Plätze bot. Orte, die viel zu schade sind, um den Mantel des Vergessens über ihnen auszubreiten.

Die Wanderausstellung „Das Kulturwunder im Osten Deutschlands – Rückblicke und Perspektiven“ ist im Treffpunkt Freizeit, Am Neuen Garten 64, noch bis zum 12. April zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Oliver Dietrich

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