Darf ein Narr eigentlich als Kostüm einen extra angelegten echten Bart tragen? Und darf ein Narr auch die Religion in sein närrisches Handeln einbeziehen? Das sind Fragen, mit denen sich gegenwärtig Lothar Thieme (55) beim Karneval in Plessa, noch dazu aus aktuellem Anlass, konfrontiert sieht. Das Elferratmitglied stellt in der diesjährigen 60. Jubiläumssaison unter dem Motto "Mit 60 ins närrische Paradies" den Petrus dar.

Gemeinsam mit Jürgen Nicklisch (54), der als paradiesischer Apfel kostümiert ist, werden in einer Mischung aus Moderation, Sketcheinlagen und Büttenrede hochaktuelle Probleme auf die Schippe genommen.

Als Perfektionist lässt sich Lothar Thieme seit Anfang Oktober 2014 in Vorbereitung auf seine biblische Rolle einen echten Bart wachsen, der noch dazu per Schere kaum im Zaum gehalten wird, um urig auszusehen, wie er sagt.

Ein Narr aus Leidenschaft also bis in die Haarspitzen? "Ich denke schon, dass in der Traumrolle des Petrus ein echter Bart besser geeignet ist, als ein angeklebtes Exemplar", kommentiert Lothar Thieme sein nahezu perfektes Outfit.

Schon einmal hat er es als Maja-Priester im Karneval mit der anspruchsvollen Aufgabe der heiligen Figur einer Religion aufgenommen. Seit 1977 ist Lothar beim Karneval dabei. Begonnen hat er in der Saalpolizei. Seitdem ist er in der Ministergarde tätig. Einer der Höhepunkte der närrischen Karriere war 1999 in der 44. Saison (zwei närrische Schnapszahlen) gemeinsam mit Partnerin Irene (54) die Darstellung des Prinzenpaares.

In der diesjährigen 60. Saison, vor aller Augen sichtbar, zeigt das Bühnenbild die biblischen Figuren Adam und Eva – beide nackt – als Karikaturen. Karneval und Bibel, wie geht das? Was sagt Petrus dazu?

"Es ist alles nur eine Frage der Herangehensweise", sagt Lothar Thieme. "Wir müssen alle Themen, mit denen Befindlichkeiten und Leidenschaften von Menschen verbunden sind, mit Respekt behandeln. Wir als Narren, und eigentlich auch alle anderen Menschen, dürfen nicht beleidigend sein. Selbst der Papst im Vatikan geht mit Humor an verschiedene Themen heran. Und wir müssen auch die grundlegenden Säulen anderer Religionen achten und respektieren", erklärt Lothar Thieme auch im Hinblick auf die im islamischen Glauben verbotene Darstellung des Propheten.

Lothar Thieme reiste bereits mit dem Auto durch Nordafrika, besuchte dabei islamisch geprägte Länder wie Tunesien, Algerien und Marokko und machte nie schlechte Erfahrungen. "Im christlichen Glauben hängen Kirche, Fasching und Karneval sehr viel mehr zusammen, als viele Menschen heute noch wissen", fügt Lothar Thieme an. Er erklärt weiter: Die Termine des Karnevals hängen von der zeitlichen Lage des im Kalender wandernden Osterfestes ab. Das Osterfest wurde im Jahr 325 auf dem Konzil von Nicäa auf den Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gelegt. Etwa 300 Jahre danach legte man in Kirchenkreisen eine 40-tägige Fastenzeit vor das Osterfest, die an die Zeit von Jesus Christus erinnern soll, die er in der Wüste verbracht hat. Weil später die sechs Sonntage vor Ostern vom Fasten ausgenommen wurden und diese sechs Tage unter Beibehaltung der 40-Tage-Formel nach vorn verlegt wurden, entstand der Aschermittwoch, der Beginn der Fastenzeit. Wegen der bevorstehenden Fastenzeit mussten die verderblichen Lebensmittel intensiv verprasst werden, was letztlich zu einem mehr oder weniger ausgelassenen Treiben und damit eben zur Faschingszeit führte.

Auch der Start des Karnevals am 11. 11. lasse sich auf eine 40-tägige Fastenzeit vor Weihnachten und dem damit verbundenen konzentrierten Verbrauch von Lebensmitteln zurückführen, so Thieme. Das Treiben sei zeitweise sogar von der Kirche unterstützt worden, um den Menschen den Unterschied zwischen schlechten und guten Lebensweisen vor Augen zu führen.

Eigentlich müsste bei Lothar Thieme der Heiligenschein, der auf dem Rücken an einem Bundeswehrtragegestell angebracht ist und der aus massivem Messing im Freien den Blitz vom echten Petrus anziehen dürfte, auf ganz natürliche Weise über dem Kopf schweben. Der Diplomingenieur für Bauwesen ist nicht nur leidenschaftlicher Karnevalist, er bringt sich auch entsprechend seinen beruflichen Fähigkeiten im Kulturverein beim Erhalt des Plessaer Kulturhauses ein. Als Bauleiter kümmert er sich in Abstimmung mit dem Bauamt und dem Architektenbüro Heinz Linge (60) aus Elsterwerda um die Koordinierung einiger Bauvorhaben in dem schon einmal vom Abriss bedrohten Kulturhaus in Plessa.

Allein durch die Arbeit von Lothar Thieme wurden so schon viele tausend Euro eingespart, lassen immer wieder Vereinskollegen durchblicken.

"Ich bin nur ein kleines Glied in einer Kette, die in Plessa was bewegen will. Bei der Erhaltung des Kulturhauses machen viele Menschen mit, nicht nur aus den Reihen des Kultur- oder des Karnevalvereins", verteilt Lothar Thieme die ehrenamtliche Arbeit am Haus auf viele Schultern. Mehrere hunderttausend Euro wurden so schon als Eigenleistung im Kulturhaus geschaffen.

Wie geht es mit dem Bart des Petrus nach dem Karneval weiter? "Der wird eigentlich nach dem Programm am Rosenmontag nicht mehr gebraucht", voraussagt Lothar Thieme die Zukunft, woraus sich irgendwie eine spektakuläre und haarsträubende Aktion noch vor Aschermittwoch orakeln lässt.

Zum Thema:
Weitere Termine beim Karneval in Plessa: Auf "Die Suche nach dem Paradies", geht es am 6. Februar bei der öffentlichen Generalprobe. Insgesamt "11 Sünden" werden am 7. Februar ab 19.11 Uhr bei der ersten Abendveranstaltung geboten. "Kurz vor dem Paradies" nennt sich der Seniorenkarneval für die reifere Jugend am8. Februar ab 14 Uhr. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", heißt es am 9. Februar ab 15 Uhr beim Kinderkarneval. Ganz besonders "Paradiesisch schön" zeigt sich Blesse am 14. Februar ab 13 Uhr beim närrischen Umzug. Am gleichen Tag ab 17 Uhr wird im Kulturhaus "Liebe im Paradies" praktiziert. Der großeRosenmontagsball findet am 16. Februar ab 19. 11 Uhr statt. Unter dem Motto "Mit 60 ins närrische Paradies" wurde bereits am 23. Januar 2015 beim Pennefasching ins paradiesische Kulturhaus eingezogen. Dabei entstand das Foto.