Bewegende Trauerfeier im Kulturhaus Plessa

logo lausitzer rundschau gif vom 17.08.2013

Am 17. August 1983 starben vier Menschen bei einer Verpuffung in der Brikettfabrik 63 in Plessa

Plessa/Lauchhammer    Am Morgen des 17. August 1983 kam es um 7.20 Uhr in der Plessaer Brikettfabrik 63 zu einer schweren Kohlestaubverpuffung und einem verheerenden Brand. Vier Mitarbeiter starben, acht weitere erlitten schwere Verletzungen. Für die RUNDSCHAU erinnern sich Zeitzeugen. Hans Ober (heute 82) erging der Katastrophe nur knapp, Heinz Wilhelm (86) saß in einer Dienstberatung in Lauchhammer, als er von der Verpuffung erfuhr.

Brikettfabrik PlessaWie jeden Morgen saß Heinz Wilhelm, Abteilungsleiter für Absatz und Versand, im Besprechungszimmer im Braunkohlekombinat Lauchhammer mit Kollegen zur Dienstberatung zusammen, als das Telefon klingelte. Am Hörer ein nach Worten ringender Mitarbeiter aus der Brikettfabrik 63 Plessa: "Wir hatten gerade eine Verpuffung. Alles brennt. Es gibt Verletzte", erinnert sich Heinz Wilhelm.

Hans Ober, der heute noch in Plessa lebt, war unmittelbarer Zeuge und hat das Unglück nur mit viel Glück überlebt. Eigentlich möchte der heute 82-Jährige nicht mehr darüber reden. In der Brikettfabrik hatten die Arbeiter am Vorabend jenes 17. August die planmäßige Reparatur der Anlage vorbereitet, den Abfahrbetrieb gestartet. Am Morgen standen alle Maschinen still, als es 7.20 Uhr zur Verpuffung kam. "Ich stand auf dem achten Schlot und war gerade mit einem Kollegen dabei, den Kohlenstaub mit hohem Wasserdruck aus dem Schlot zu spritzen. Eine ganz normale Wartung, die alle vier Wochen stattfand. Und dann gab es plötzlich eine enorme Detonation." Fünf Schlote waren bei der Kohlestaubverpuffung komplett zerstört, drei weitere stark beschädigt worden. Hans Ober und sein Kollege standen unter Schock. Überall lag geborstener Stahl, unter ihnen waren sämtliche Treppen verbogen, teilweise zerstört worden. Wie ein Wunder hatte es Hans Ober nicht vom Schlot geschleudert. "Ich weiß noch, wie mich Leute ansackten und herunterschleppten", berichtet der ehemalige Bergbaukumpel. "Das ganze Dach war aufgerissen", erinnert sich Wilhelm, der nach Plessa geeilt war. Der brennende Kohlestaub fraß sich durch die Fabrik, zerstörte einen Großteil der Anlage.

Kumpel und Helfer schleppten zwölf Verletzte aus der Fabrik, vier von ihnen starben. Darunter Steuermaschinistin Brigitte Weißköppel. Sie wurde nur 39 Jahre alt, hatte wenige Wochen zuvor eine Auszeichnung erhalten, weil sie sich als Gewerkschaftsvertreterin verdient gemacht hatte. Für Hans Ober war sie so etwas wie eine neue Hoffnung, nachdem seine erste Frau im Jahr zuvor an Brustkrebs verstorben war. Brigitte und Hans waren sich näher gekommen. Die Verpuffung verwehrte den Beiden weitere Träume.

Zu den Kumpels, die an ihren schweren Verbrennungen im Krankenhaus oder auf dem Weg dorthin verstarben, gehörte auch Meister Walter Haupt (51). Er hinterließ mehrere Kinder. Auch Schweißer Manfred Haufe (42) und Instandhaltungsmechaniker Jens Thron starben. Wilhelm: "Thron war gerade fertig mit der Lehre. Er wäre jetzt erst 50 Jahre alt."

Es war das folgenschwerste Unglück in der 1901 in Betrieb gegangenen Brikettfabrik. Schon 1946 hatte es eine Kesselexplosion gegeben. Damals kamen drei Menschen ums Leben.

Das Unglück vom 17. August 1983 konnte nie vollständig aufgeklärt werden. Heinz Wilhelm blättert im Untersuchungsbericht. "Man brauchte Schuldige und sperrte den Betriebs- und den Bereichsleiter ins Gefängnis. Eigentlich hätte jemand Höheres gehen müssen", schimpft er.

Bewegende Trauerfeier im Kulturhaus PlessaWenige Tage nach dem Unglück hatten mehr als 500 Bergarbeiter im Kulturhaus Plessa von ihren Kumpels Abschied genommen. Das Orchester hatte zum letzten Gruß das Bergmannslied "Glück auf" angestimmt. Nach sechs Wochen durften die Bergmänner wieder in die Fabrik. Wilhelm: "Alles, was an Technik verfügbar war, wurde nach Plessa gebracht. Im Oktober wurde die Brikettfabrik wieder in Betrieb genommen", sagt er. Karl Hesse aus Elsterwerda-Biehla, heute 70 Jahre alt und von 1986 bis 1990 letzter Betriebsleiter in der Brikettfabrik, verweist auf eine Dokumentation zum Werk unter dem Titel "Vor 90 Jahren – Bau der Brikettfabrik Plessa", die 1990 ganz schnell entstand, als es hieß, die Fabrik werde kurzfristig außer Betrieb genommen, solle aber wieder angefahren werden. Darin stehen Fakten zum Umfang der Zerstörung und zu den nötigen Reparaturen. Fakt ist: Als die Brikettpresse 3 am 30. Juli 1990 um 14 Uhr von Schichtleiter Arno Schneider stillgesetzt wurde, war das das Aus für die Brikettfabrik. Sie wurde wenig später verkauft und 1993 zum großen Teil abgerissen. Die Erinnerungen an ihre Kumpels und die Tragödie bleiben den ehemaligen Beschäftigten aber immer im Gedächtnis.

Corinna Karl und Frank Claus

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