Zur architekturhistorischen Bedeutung des Plessaer Kulturhauses

Dieses Gutachten hat Dr. Ulrich Hartung 2011 für die Machbarkeitsstudie zur Revitalisierung des Kulturhauses Plessa in Unkenntnis des nachfolgenden Gutachtens von Dr. Sybille Gramlich erarbeitet. Er promovierte über die DDR-Kulturhäuser der 1950er Jahre und hat darüber ein Buch veröffentlicht:

Die intensiven Diskussionen um seine Nutzung und der langjährige Einsatz vieler Einwohner für seine Erhaltung zeigen: Das Kulturhaus Plessa wirkt weit über den Ort hinaus als Veranstaltungszentrum der Region. Es ist im Tal der Schwarzen Elster, trotz aller Verfallstendenzen, ein kultureller Bezugspunkt und eine bekannte Adresse geblieben. Schon aus diesem Grund muss der Wert des gemeindeeigenen Hauses für die Kulturlandschaft des Industrie- und Siedlungsraums Niederlausitz, für seinen Standort und dessen Umgebung umfassend in Betracht gezogen werden.

 

Um ihn einzuschätzen zu können, sind die verschiedenen Aspekte seiner Bewertung als historisches Bauwerk zu beachten. Sie werden hier kurz dargestellt, mit Blick auf die Kriterien des Denkmalwerts. Die Darlegung konzentriert sich dabei auf den Zusammenhang von äußerer und innerer Raumgestaltung, der die baugeschichtliche Qualität des Kulturhauses ausmacht.

 

Zur Lage im Orts- und Landschaftsraum

Einen besonderen historischen Wert besitzt das Gebäude durch seine Lage im Orts- und Landschaftsraum. Sie entspricht ganz der repräsentativen Bedeutung, die einem Bauwerk dieser Funktion zur Zeit seiner Entstehung beigemessen wurde. Das Plessaer Kulturhaus stellt damit, als Zeugnis der DDR-Kulturpolitik in den fünfziger Jahren, zugleich ein gebautes Dokument damaliger Planungs- und Raumvorstellungen dar.

 

Errichtet 1956 bis 1960 durch das Braunkohlenwerk Plessa im Niederlausitzer „Revier“, diente es als Betriebs- wie auch als Dorf-Kulturhaus. Aufgrund seiner vielfältigen Raumangebote erhielt es nach seiner Übergabe den Status eines Kreiskulturhauses. Es steht im historischen Zentrum der Industriegemeinde Plessa, am Rand des Dorfkerns. Diese Situierung im räumlichen Mittelpunkt des Siedlungsgebildes sollte die dominierende Bedeutung der Kultur für das Alltagsleben der Bevölkerung unterstreichen. Als Bauplatz war bewusst die Stelle gewählt worden, an der die Hauptstraßen des Ortes zusammenlaufen; das Haus steht so, schon von den Ortsrändern her sichtbar, im Blickbereich der wichtigsten Verkehrsräume.

 

Achse Kulturhaus PlessaBesonders von der Einfahrt aus Richtung Westen, von Elsterwerda und dem Nachbardorf Kahla her, wird die angestrebte Wirkung des Baus plastisch sichtbar: Während der Kirchturm mit seiner barocken Haube das Blickziel des geraden Chaussee-Abschnitts bildet, ist unterhalb davon das Kulturhaus als Baukörper in den Blickbereich der Straße gerückt. Das lang gestreckte Haus lässt zugleich in der Schrägansicht den Verkehrsfluss im Elstertal spürbar werden. Vom Norden, vom früheren Braunkohlenwerk und vom Kraftwerk her, bildet der Giebelrisalit des Haupteingangs am Ende der Bahnhofstraße den Blickpunkt, und wäre der Plan verwirklicht worden, die davor stehenden Häuser abzureißen und die Straße bis vor das Kulturhaus gerade durchzulegen, würde es noch stärker als Richtung weisendes Bauwerk, als Zielpunkt einer „Achse“ wirken.

 

Ohne die Höhendominanz der Dorfkirche anzutasten, bestimmt der Kulturhausbau mit seinen Giebelfronten die Silhouette des Ortes mit; er präsentiert sich durch Höhe und Baumasse als gewichtiger, die Wohnhäuser überragender Gesellschaftsbau.

 

Bei aller Integration ins vorhandene Raumgefüge ist er mit Absicht in eine konkurrierende Stellung zu der Dorfkirche gebracht worden. Das Kulturhaus wendet ihr seine Rückseite zu und schließt mit dem Flügelbau der Seitenbühne den Dorfanger plastisch ab. Südlich der Durchgangsstraße vom Straßenraum zurückgesetzt, bildet es einen platzartigen Raum, als neuen Ortsmittelpunkt. Die Hauptfassade dominiert diesen Raum und verdeckt zugleich die Kirche, schließt sie von der Platzansicht aus. Dazu musste die Eingangsfront des Hauses nach Norden gerichtet werden und steht kaum im Sonnenlicht.

 

Gerade in diesen Spannungen zeugt das Kulturhaus von den Wünschen seiner Erbauer: Mit dem großen, repräsentativen Kulturgebäude sollte der Industriegemeinde erstmals ein bedeutungsvolles Zentrum gegeben werden. Dabei war jedoch eine unvermittelte Konfrontation mit den Bauten der Vergangenheit zu vermeiden. Deshalb wendet sich das Haus dem Nordteil des Ortes, der Industrie und dem Siedlungsgebiet zu, ohne den alten Dorfkern mit der Kirche zu ignorieren. Seine äußere Gestaltung entspricht bis in die Details diesen differenzierten Zielen.

Zur äußeren Gestaltung

Das Kulturhaus bietet ein markantes Beispiel für die Architektur der „Nationalen Traditionen“, wie sie in der DDR der fünfziger Jahre entwickelt wurde. Sie war von dem Bestreben bestimmt, alles Wertvolle aus den großen Epochen der Vergangenheit aufzunehmen und in einer kulturellen Synthese zu vereinigen, die den „neuen Bauherren“, den Arbeitern und Bauern, ihre historische Bedeutsamkeit vor Augen führen sollte.

 

Kulturhaus-Plessa-Sgraffito-VorlagenAuch das Plessaer Haus setzte dieses Ideal in Architektur um, auf eine besondere Weise, die örtlichen Besonderheiten und speziell den funktionellen Anforderungen entsprach. Es ist nach den Regeln der „klassischen“ Architektur in eine Sockelzone, die vertikal betonten Hauptgeschosse und die Frontgiebel als symmetrische Abschlüsse gegliedert. Dabei sind die Giebel nicht lediglich als Abschlussflächen der Satteldächer, sondern als ausgeformte, von Gesimsen umrahmte Tempelgiebel behandelt. An den rückwärtigen Fassaden zeigt das Haus eine zurückhaltende Architektur, wurde aber im Ganzen, als Baukörper, in derselben vertikalen Gliederung durchgestaltet, mit einer gewissen Monumentalität.

 

Zu diesem klassizistischen Gestaltungsprinzip steht die asymmetrische Aufteilung des Baus in der Horizontale in Spannung. Der Giebelrisalit mit dem Haupteingang betont den öffentlichen Charakter des Baus, seine Hinwendung zum Ort; er lässt zugleich, ebenso wie der Flügel mit der Seitenbühne an der Rückseite, die Aufgliederung des Inneren in den Saal und die kleineren Räume erkennen.

 

So zeigt sich das Haus in seiner Monumentalität deutlich differenziert. Die plastischen Fenstereinrahmungen betonen die Bedeutung des großen Saals; sie fassen auch die kleinen Fenster an den Seitengiebeln ein und überhöhen hier die reale Geschossaufteilung. Gesteigert ist dies am Eingangsrisalit, wo Felder zwischen den Fenstern mit den Symbolen von Bergbau, Industrie und Landwirtschaft einen kräftigen Vertikalakzent schaffen, der sich in den Fensterbahnen und in den beiden Bildstreifen der Sgraffitos fortsetzt. Doch sind die Fassadenelemente so klein und feingliedrig gestaltet, dass sie überall das menschliche Maß wahren.

 

Sie wirken durch ihren Farbkontrast zu den Fassadenflächen, die durch den dunkleren, warmtonigen Putz des Erd-geschosses gegliedert sind. Die Rahmungen bestehen aus rotem Betonwerkstein. Mit der Wahl dieser Materialfarbe war zugleich ein regionaler Bezug angestrebt, denn sie sollte offenbar den roten Meißner Granit imitieren, wie er z. B. an den Kirchbauten der Zeit in Elsterwerda-Biehla und Lauchhammer-Süd verwendet wurde. Eine weitere Differenzierung schaffen die zwei Sgraffitos. Bedeutsam durch die Darstellung des „Inhalts“ der Kulturarbeit in Figuren von Arbeitern, Bauern und Bäuerinnen, sind sie mit kräftigen gelben Rauputzflächen von der hellen Fassade abgesetzt.

 

Kulturhaus-Plessa-1960er-JahreIm Ganzen stellt sich das Kulturhaus als ein feinfühlig gegliederter Bau dar, dessen barockklassizistischer Stil mit den zarten plastischen Details und den warmen Farben von kultureller Verfeinerung zeugt. In den Jahren seiner Entstehung sollte dies als Ausdruck seines „humanistischen Inhalts“ wirken – der Sinn des Hauses hatte sich, über seine Zweckbestimmung hinaus, baukünstlerisch „widerzuspiegeln“. Konkretisiert wurde die Aussage in den Symbolen und bildlichen Darstellungen, die das Menschenbild der Zeit verkörpern. Die aufwändige Architektur des Hauses bildet somit ein bemerkenswert konzentriertes Zeugnis damaliger Idealvorstellungen.

 

Zu Funktionen und Raumestaltungen

Damit verbindet sich das Urteil über die Leistung bei der Anordnung und Gestaltung der Innenräume. Als multifunktionaler Bau wies das Plessaer Haus fast alle Bestandteile eines damaligen Raumprogramms für größere Kulturhäuser auf. Sie ermöglichten repräsentative Veranstaltungen der Hochkultur und offizielle Versammlungen, auch Kinovorführungen, und boten zugleich Raum für unterhaltsame Treffen in kleineren Kreisen und für die kulturelle Selbstbetätigung.

Das Kulturhaus enthielt neben dem Großen und einem kleinen Saal eine Gaststätte, ein Kabinett („Raum der deutsch-sowjetischen Freundschaft“), eine Bücherei und einige Zirkelräume; das Haus verfügte über die komplette Raumstruktur eines kleinen Theaters mit Haupt- und Seitenbühne, Garderobenräumen und Büros. Außerdem befanden sich zwei Dienstwohnungen in dem Gebäude.

 

bild19Die Räume sind um den Eingangsbereich mit den Foyers der zwei Geschosse im Westteil des Hauses und um die Gebäude-Längsachse mit dem Großen Saal gruppiert. In der annähernd symmetrischen Aufteilung der Raumbereiche dominiert der Saal, und die Anordnung der Räume im Grundriss folgt der eines Theaters mit zahlreichen kleineren Gesellschaftsräumen. Die Erschließung des Hauses macht jedoch parallele Veranstaltungen durchaus möglich, vor allem durch die Trennung in Erd- und Saalgeschoss. Auch der Bühnenteil des Hauses ist durch Nebeneingänge separat erschlossen.

 

Damit bot und bietet das Kulturhaus den räumlichen Rahmen für vielfältige Veranstaltungen offiziellen und inoffiziellen Charakters. An den Listen der Künstler und Ensembles, die hier auftraten, lässt sich ebenso wie an den Erinnerungen an spezielle Veranstaltungsformen erkennen, dass das Haus keineswegs nur zur Selbstdarstellung der politischen Herrschaft, sondern ebenso für genussreiche und unterhaltsame Begegnungen und die kritische Selbstverständigung „von unten“ genutzt worden ist.

 

bild20Als die wichtigsten Räume sind die Vorhallen, das Treppenhaus und der große Saal in dezenter Repräsentativität gestaltet. Während in den Foyers die Stuckprofile an den Wänden und die einfachen Säulen den Raumeindruck bestimmen, werden die Treppen durch die aufwändig geschmiedeten Geländer betont. Im Saal unterstreicht der stark eingetiefte Deckenspiegel die Form des Raums in fast barocker Weise, doch sind die Einzelformen hier flächig und in den Lampen schon von der Moderne der fünfziger Jahre bestimmt.

 

Der großzügige Charakter des Hauses im Ganzen wird weniger durch die Opulenz seiner Innenraumgestaltung, sondern durch die technische Gebäudeausrüstung bestimmt. So besitzt der Saal eine elektrische Verdunklungsanlage, und im Bühnenbereich diente eine Sprinkleranlage dem Brandschutz. Die funktionelle Durchbildung des Gebäudes macht bis ins Detail den Anspruch an die leichte und sichere Benutzbarkeit der Räume deutlich, der bei der Planung und Ausführung leitend war.

 

Im Blick auf das Gebäude als historisches Bauwerk wird sein Wert als Zeugnis einer Geschichte gewordenen Kulturvorstellung ebenso deutlich wie der spezifische Charakter, den es durch die Adaption von bauästhetischen und funktionellen Normen an die räumlichen Erfordernisse seines Standorts erhielt. In seiner Stellung wie in seiner Architektur verkörpert sich der starke Wille, einen Kultur- und Bildungsbau von neuer, ausstrahlender Wirkung zu schaffen. Das repräsentative, weithin zusammmenwirkende Äußere lässt bereits die großzügigen Räume des Hauses erkennen. Seine Innenarchitektur entsprach ebenso dem autoritären Wunsch nach „Kunst für das Volk“, gab aber entsprechende Handlungsweisen nicht vor. So konnte das Kulturhaus in Plessa bis heute Mittelpunkt und Rahmen vielfältiger Kulturveranstaltungen sein.

 

Die hohe handwerkliche Qualität bei der Errichtung des Hauses macht die dringliche Grunderneuerung auch nach Jahrzehnten lohnend, und das Engagement von Bürgern am Ort hat dafür die Voraussetzungen geschaffen. Hier lässt sich die Bewahrung eines einmaligen Geschichtszeugnisses mit der Erhaltung eines bewährten kulturellen Treffpunkts verbinden – im Sinne einer nachhaltigen Effektivität.


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