Gutachtliche Stellungnahme zum Denkmalwert (Nachbegründung)

Brandenburgisches Landesamt für Denkmlapflege und Archäologisches Landesmuseum

Abteilung Denkmalpflege, Dezernat Inventarisation, Bearbeiterin Dr. Sybille Gramlich

Wünsdorf, den 14.Juli 2004

Kulturhaus Plessa, Platz des Friedens 1, 04928 Plessa

Denkmalwert:

Das Kulturhaus ist im Denkmalverzeichnis des ehemaligen Kreises Bad Liebenwerda ausgewiesen und wurde damit nach § 34 in das Denkmalverzeichnis des Landkreises Elbe-Elster übemommen.


Das 1406 erstmals urkundlich genannte Dorf Plessa entwickelte sich Ende des 19. Jahrlıunderts durch die Erschließung und Verwertung der im Norden liegenden, weit über die Dorfgemarkung hinaus reichenden Kohleflöze zu einem wichtigen Industriestandort. 1894 konnte in Plessa die erste Kohle gefördert werden, 1901 erhielt der Ort eine Brikettfabrik. 1926/27 entstand hier das erste Großkraftwerk zur Energieversorgung der umliegenden lndustrielandschaft. 1924 wurde in der zum Kraftwerk gehörigen Grube Agnes die weltweit erste Abraum-Förderbrücke in Betrieb genommen.
Der Dorfkem behielt seinen ländlichen Charakter, den Gehöfte bestimmen, die nach dem verheerenden Brand von 1811 auf deutlich größeren Grundstücken wiedererrichtet wurden. Auf der Westseite des 1829 etwa 400 Einwohner zählenden Angerdorfs steht die Kirche, ein 1814 veränderter Putzbau, der 1792 eine kleine Kapelle ersetzt hatte. Nördlich des Dorfes und der 1874/75 eröffneten Kohlfurt-Falkenberger (Oberlausitzer) Eisenbahn lagen am Fuß des ansteigenden Höhenzuges die ersten Kohlegruben. Hier entstanden auch Brikettfabrik und Großkraftwerk, in deren Umfeld erste Werkswohnungsbauten errichtet wurden. Weitere Ein- und Mehrfamilienhäuser folgten. Dafür legte man zwischen Bahnlinie und Dorfkern neue Erschließungswege zu beiden Seiten der Bahnhofstraße an. 1910 zählte Plessa bereits über 2000 Einwohner. Das Kraftwerk war bis in die 1970er Jahre einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region. Wie auch die Brikettfabrik wurde es nach 1945 verstaatlicht. 1954 erhielt das Kraftwerk einen vierten Kühlturm. 1951 entstanden in der Nordstraße 5-8 weitere Werkswohnungen.

Am Nordwestrand des alten Dorfes, an der Bundesstraße 169, am Übergang vom alten Dorf zur Industriesiedlung entstand ab 1956 das große Kulturhaus. Für die Entwürfe zeichnete Erich Graf verantwortlich. Das Projekt wurde durch den Hauptarchitekten des Bezirks Cottbus, Flemming, und das Entwurfsbüro für Hochbau Finsterwalde des Rates des Bezirkes Cottbus am 4.11.1955 dem Ministerium für Kultur zur Einsichtnahme vorgelegt und zur Ausführung genehmigt. Die Ausführungsplanung erfolgte 1956 durch den VEB Projektierungs- und Konstruktionsbüro „Kohle“ in Berlin Weißensee. Planträger war das Ministerium für Schwerindustrie, Hauptverwaltung Braunkohle. lnvestitionsträger das Braunkohlenwerk Plessa. Ein betriebswirtschaftliches Gutachten vom Juli 1955 (Archiv Amtsverwaltung Plessa) weist darauf hin, dass sich Braunkohlenwerk, Kraftwerk und die örtliche MTS-Station seit Jahren um den Bau eines Kulturhauses, das auch die umliegenden Schradendörfer einbeziehen sollte, bemüht hatten. Der Plan, die Bahnhofstraße derart zu verlängem, dass sie axial auf das Kulturhaus zugeführt hätte, wurde nicht verwirklicht. Am 1.7.1960 erfolgte die Einweihung des Kulturhauses.

Der dreigeschossige Putzbau mit flachem Satteldach bestimmt bereits durch sein Bauvolumen die Ortsmitte von Plessa. Weitaus größer als die unmittelbar benachbarte Kirche beherrscht er den Dorfanger und damit den historischen Ortskem. Sein Erscheinungsbild prägen die Reihung gleichartiger Fenster und Schmuckelemente sowie der Kontrast zwischen den großen Pulzflächen und den in einem blassroten Kunststein ausgeführten Fenster- und Türeinfassungen, Gesimsen und Dekorationsdetails. Ein den gesamten Bau umziehendes, deutlich vortretendes Gesims begrenzt das regelmäßig durchfensterte Sockelgeschoss. Ein schmales umlaufendes Gesims bezeichnet die Traufgesimszone. Flache Wandvorlagen unterstreichen die Gebäudekanten. Schmale, über zwei Geschosse reichende Fenster mit neoklassizistischer Rahmung sowie ein breites, in den Sockelbereich übergreifendes Fenster, das die Lage des Treppenhauses angibt, prägen die Südseite. Auf der nach Norden, zur Bundesstraße, ausgerichteten Hauptfassade befinden sich überdies zwei Wandbilder in der Höhe und Breite der Fenster mit Darstellungen aus Landwirtschaft und Industrie in Sgraffittotechnik. Ein weit vortretender dreiachsiger Risalit betont den Eingang. Seine Fensterachsen zeigen in den Brüstungsfeldem in Kunststein gearbeitete Medaillons mit Emblemen des Bergbaus, der Elektrizität und der Landwirtschaft. Die beiden Stirnwände werden durch sechsachsige, in vertikalen Wandfeldem zusammengefasste Fenster mit mittigen Fensterkreuzen gegliedert. Auf der Südseite ist das Kulturhaus nach Süden um einen gebäudehohen Anbau erweitert, in dem u.a. die Haustechnik und eine Wohnung untergebracht sind und auch Kulissen angeliefert werden können.
Das geräumige Foyer mit großzügiger Treppenanlage, der große und der kleine Saal, sowie drei Klubräume und verschiedene Nebengelasse entsprechen dem zu dieser Zeit empfohlenen Raumprogramm für größere Kulturhäuser. Bemerkenswert ist die geräumige Theaterbühne mit kleiner Nebenbühne im großen Saal. Hierzu gehören Künstlergarderoben, ein darüber liegender Beleuchterraum und sogar ein abdeckbarer Orchestergraben. In diesem Saal konnten auch Filme auf großer Leinwand gezeigt werden. lm Filmvorführraum stehen zwei Projektoren der Bauart D2 des VEB Kinotechnik aus Dresden aus der Bauzeit des Kulturhauses. Sie gehören zur letzten Baureihe von Filmvorführgeräten, die in der DDR produziert wurden, da bis Mitte der 1960er Jahre die Produktion von einem anderen Land des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilte) zentral übemommen wurde. Die bauzeitliche Ausstattung des Kulturhauses ist noch in großer Vollständigkeit erhalten und reicht von Treppengeländem, Türen und Verdunkelungseinrichtungen des großen Saals bis hin zu Lampen und den großen Saalleuchtem.

Das Kulturhaus besitzt als der beherrschende Bau am Übergang vom historischen Dorf zur industriegeprägten Ortserweiterung städtebauliche Bedeutung. Wie die letztlich nicht ausgeführte Planung zur Verlängerung der Bahnhofstraße mit axialem Bezug auf das Kulturhaus verdeutlicht, war dessen städtebauliche Einordnung programmatisch. Es sollte durch das Angebot kollektiver Freizeitgestaltung und politischer Schulung die werktätigen Klassen der Arbeiter und Bauem zusammenführen, um auf diese Weise die Entwicklung einer sozialistischen Gesellschaft zu befördem. Dies thematisieren auch die beiden zur heutigen Bundesstraße ausgerichteten Wandbilder und die Medaillons über dem Eingang. Mit der Standortwahl wird dem Kulturhaus in gewisser Weise aber auch die Bedeutung und Funktion zugeordnet, welche die Dorfkirche über Jahrhunderte traditionell innegehabt hatte, nämlich die des Versammlungsorts und des Ortes der geistigen Erbauung und Belehrung. Gerade in Plessa wird mit dem Standort des Kulturhauses neben der Kirche dessen Bedeutung für die atheistische sozialistische Gesellschaft programmatisch zum Ausdruck gebracht.
Dem Kulturhaus ist geschichtliche Bedeutung zuzusprechen, denn es stellt irı der Vollständigkeit seines umfangreichen Raumprogramms, mit seiner bauzeitlichen Ausstattung und durch seine städtebauliche Lage und bauliche Gestaltung ein ebenso anschauliches wie aussagekräftiges Dokument sozialistischer Gesellschaftspolitik dar. Hier sollte das kulturelle Interesse der Werktätigen geweckt, nachdrücklich gefördert und Raum für die kollektive Freizeitgestaltung geschaffen werden. Durch Angebote zur Erholung, Kommunikation, Geselligkeit und Unterhaltung sowie Bildungsveranstaltungen sollte das Kulturhaus zur Entwicklung einer sozialistischen Lebensweise beitragen. Hierzu gehörten auch anspruchsvolle Theater- und Musikprogramme sowie Filmvorführungen.
Das Kulturhaus, das zur Blütezeit des lndustriestandorts errichtet wurde - Plessa verfügte damals über circa 3.500, die umliegenden Dörfer über mehr als 10.000 Einwohner - ist zudem ein unübersehbarer Beleg der in dieser Zeit florierenden lndustrieregion und der Bedeutung, die dieser Region und der Montanindustrie von politischer Seite zugemessen wurde.


Schließlich besitzt das Gebäude künstlerische Bedeutung. Wie in dem 1955 erstellten betriebswirtschaftlichen Gutachten fomuliert, wurde „entsprechend seiner Lage im Dorfe (wurde) die äußere Gestaltung bewußt einfach gehalten. Die schlichten Fassaden dürften dem dörflichen Charakter am besten entsprechen.“ Man verzichtete also gezielt auf eine Architektur mit monumentaler Pfeiler- und Säulenstellung wie sie die 1954-56 in Rüdersdorf, 1956-58 in Rathenow oder 1954-57 in Seelow entstandenen Kulturhäuser auszeichnen. Doch verbindet der anspruchvolle Entwurf die strenge Gliederung des voluminösen Gesamtbaukörpers mit einer feinteiligen Profilierung zu einer repräsentativen Architektur, die Ausdruck der Wertschätzung und des Gewichts war, die dieser Einrichtung zugesprochen wurde. Eine Wertschätzung, die auch in Gestaltung von Foyer, Treppenhaus und großem Saal zum Ausdruck kommt.

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